Auf den Spuren Kaiser Karls IV.

Von Thomas Greif

Die Geschichte, sei es die legendäre oder die nachweisbare, lässt manchmal die Würfel wunderlich fallen. Attila, Hermann Göring und Kaiser Karl IV., drei auf ihre Weise prominente Gestalten deutscher Vergangenheit, haben miteinander wenig zu tun - außer ihrer erstaunlichen Verbundenheit zu einer fränkischen Landschaft im Osten Nürnbergs, der Hersbrucker Schweiz.

Das dortige Dekanat umfasst in 30 Kirchengemeinden mit rund 43.000 Seelen eine der ältesten evangelischen Kulturregionen Bayerns: Die meisten Orte der Gegend samt dem Dekanatssitz Hersbruck kamen nämlich nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg im Jahr 1504 zur Freien Reichsstadt Nürnberg. Als sich die Stadt bereits 1525 zur Reformation bekannte, zog die neue Lehre in Windeseile auch in den Landpfarreien ein.

Die evangelischen Gemeinden wissen hier Kirchen ihr Eigen, die in ihrer Bausubstanz bisweilen sogar romanische Wurzeln aufweisen, wie zum Beispiel die Marienkirche in Vorra oder die Wehrkirche von Kirchensittenbach. Als besonderes Schmuckstück ist in der Hersbrucker Stadtkirche der berühmte Kirchenväteraltar eines unbekannten spätgotischen Meisters zu bestaunen - ein faszinierender Ausflug in die Bildersprache des Spätmittelalters.

Nun muss man nicht unbedingt nur ein Liebhaber alter Kirchenkunst sein, um in der Hersbrucker Schweiz auf die touristischen Kosten zu kommen. Wie fast überall in Franken macht gerade die Mischung aus den zahlreichen Zeugen einer stolzen Vergangenheit und einem lieblichen und doch urtümlich anmutenden Naturraum den eigenen Reiz der Gegend aus, der sich besonders den Wanderern und Radlern erschließt. Eine Kulturlandschaft, deren Gestalt das Leben der Menschen bis in unsere Zeit auf ganz typische Weise geprägt hat: Durch die engen Täler wie das Pegnitz- oder das Hirschbachtal zum Beispiel, in denen die Abgeschiedenheit bis heute besondere religiöse Frömmigkeit oder gar das Aufkommen von Sekten beförderte. Oder natürlich durch die Nähe zur Stadt Nürnberg, die über 300 Jahre lang auch die politischen Geschicke der Region bestimmte. Die allererste S-Bahnlinie der Stadt fährt seit den 80ern bis nach Lauf im schon städtisch geprägten Westen des Dekanats.

Eine andere kulturlandschaftliche Besonderheit der Region ist heute nur noch im Museum nachzuvollziehen. Das "Deutsche Hirtenmuseum" in Hersbruck gibt Einblicke in einen landwirtschaftlichen Berufszweig, der bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Bedeutung für die Hersbrucker Alb besaß. Die Exponate des Hirtenmuseums kommen aber aus aller Welt: Aus Äthiopien zum Beispiel, wo einstmals der aus Ansbach stammende Leibarzt des früheren Kaisers Haile Selassie seine Verbindungen für die Hersbrucker spielen ließ. Über ein außergewöhnliches Regionalmuseum kann man auch in Schnaittach stolz sein: Dort ist - zusammen mit dem zweiten Standort Fürth - das Jüdische Museum Franken heimisch geworden, das die jahrhundertealte Beziehung der Juden zum fränkischen Land rund um Nürnberg dokumentiert.

Nun aber endlich zu den eingangs genannten Promis! Einer von ihnen, der Hunnenkönig Attila, Alptraum seiner völkerwandernden Nachbarn, ist hierzulande begraben - so berichtet es wenigstens eine der Sagen rund um die Houbirg, eine schon in altsteinzeitlicher Zeit besiedelten Hochfläche bei Happurg. Die Reste einer keltischen Befestigungsmauer deutete Volkes Glaube in späteren Jahrhunderten als Grabesmauer Attilas.

Einen unbestreitbaren realen Bezug in die Gegend hat dagegen Kaiser Karl IV.: Lauf und Hersbruck waren ihm wertvolle Etappen zwischen seinen Lieblingsresidenzen Prag und Nürnberg, weshalb ihm beide Städte ihre mittelalterliche Blütezeit und Lauf darüberhinaus das "Wenzelschloss" mit seiner berühmen Wappenkammer zu verdanken hat.

Bliebe noch Hermann Göring, dessen Person Realität und Sage gleichermaßen in die Region einbringt. Drei stolze Burgenanlagen blicken in mehr oder weniger ruinösem Zustand auf die Hersbrucker Schweiz hinab: Die Veste Rothenberg bei Schnaittach, immerhin die einzige Rokokofestung Deutschlands, die Ruine Hohenstein und die Burg Veldenstein inmitten von Neuhaus an der Pegnitz. Besitzer der letzteren war bis 1912 der kaiserliche Ministerresident von Deutsch-Südwestafrika, Dr. Heinrich Ernst Göring. Dessen Sohn Hermann verbrachte unbestritten seine Jugendjahre auf der fast tausendjährigen Burganlage. Görings sagenhaften Nazi-Schatz, den man auf Burg Veldenstein vermutete, suchten amerikanische Soldaten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hier allerdings vergeblich.